Mit übersichtlicher Struktur zu mehr Erfolg

Ordnung im Lager 

In vielen Haustechnikbetrieben wird der Zustand des Lagers und somit der Zustand der internen ungeregelten Abläufe als gottgegeben und gewinnvernichtend hingenommen. Der Grund: Die vorhandenen Möglichkeiten und Mittel, die Situation auch ohne großen EDV-Aufwand optimal zu verändern, sind nicht bekannt. Dabei ist es ein leichtes, eine hocheffiziente und stark kostensenkende Struktur aufzubauen, die nach Optimierung der Werkstatt auf alle Fahrzeuge (mobilen Lager) übertragen werden kann.


Das Lager ist wie in vielen anderen Handwerksbetrieben auch ein sträflichst vernachlässigter Teil des betrieblichen Ablaufs. Schlimmer noch, es ist der zentrale Grund, für den der gesamte Betrieb überhaupt existiert: Material von Händler zu Kunde zu verbringen, professionell zu verbauen und dabei effizient die eigenen Kosten zu decken und Gewinn zu erwirtschaften.

Oft jedoch sieht die Realität anders aus. Die Ausstellungen im Haustechnik-Handwerk zeigen Bäder auf höchstem Niveau, sobald die Tür zum Lager aufgeht, meint man sich der Steinzeit zuzuwenden. Effiziente und kostensparende Materialflüsse sind in den meisten Betrieben noch unbekannt.
Zunächst ist es interessant, einen Blick auf die Kosten zu werfen: So wurden in einem Bericht [1] in einem Betrieb 180 Stunden pro Jahr für Beschaffungsaufwand analysiert. Das bedeutet, dass jeder Ihrer Mitarbeiter pro Jahr einen Monat umsonst arbeitet. Setzt man einen verkauften Stundensatz von 45 € netto an, so sind das 8100 €. Unterstellt man, dass der Beschaffungsaufwand auf 30 Stunden pro Jahr absenkbar ist, so ergibt dies eine interessante Ersparnis von 6750 € netto pro Mitarbeiter. Bei einem Betrieb mit zehn Monteuren ergibt sich also eine mögliche Einsparung – ohne Betrachtung der Optimierungseffekte in der Arbeitsvorbereitung – von ca. 67 500 €. Als gut verdienender Inhaber mit 90 000 € Bruttogehalt denkt man nun: Und? Was soll an 67 500 € Mehrgewinn so Besonderes sein?
Überlegen Sie mal: Wie viel Mehrumsatz müssten Sie mit Ihrem Betrieb machen, wenn dieser 4,3 % Gewinn erwirtschaftet? (Quelle: Betriebsvergleich für SHK-Handwerk 2006, Größenklasse III, regulär ein Umsatz von ca. 1 340 000 € netto.)


Die Antwort:

67 500 € : 4,3% = 15 697 € x 100 % = 1 569 000 €. (!)

Es sind also rund 1 570 000 € (!) erforderlich, zusätzlich zum vorhandenen Umsatz. Oder 104 Bäder mit 15 000 € netto Wert zusätzlich zu verkaufen. Das ist mal eben der doppelte Umsatz.

Das ist aus eigener Kraft nicht zu stemmen. Deshalb ist es so wichtig, die Prozesse um das richtige Lager herum zu optimieren: Es ist oft der einzige Weg, den Betrieb aus eigener Kraft ohne Kreditaufnahme weiterzuentwickeln. Nicht zuletzt auch deshalb, weil der Inhaber aufgrund falscher Strukturen viele Materialvorgänge selbst steuert. Damit ist er aus Zeitgründen der Engpass in der betrieblichen Entwicklung, was nicht sein müsste.

 

Fünf Schritte zum „Paulus“-Lager

Erster Schritt:

Grundsätzlich gilt: Es gibt nur zwei (!) Materialflüsse im Betrieb. Standardmaterial, das immer vorhanden sein muss, damit der Betrieb arbeitsfähig ist, und Kommissionsware.

Diesen Materialströmen ordnen sich alle Materialien unter. Das bedeutet, dass, auch wenn die Materialien dieselben sind, z. B. KG-Rohr für das Standardlager und KG-Rohr für eine Kommission, diese von Anfang an in verschiedenen Lagerstätten körperlich getrennt gelagert werden. Beide Materialströme haben nichts miteinander zu tun, dies beginnt schon beim Bestellvorgang. Auch mit Resten wird völlig unterschiedlich umgegangen. So werden später (bei der Lagerplanung) für Anschnitte im Rohr- oder Blechlager Restedefinitionen erstellt, die je nach Standard- und Kommissionsware unterschiedlich sein können.
Zusätzlich werden im ersten Schritt die Dispositionsabläufe im Büro neu geordnet, so dass die Arbeitsvorbereitung ganz erheblich zeitlich entlastet wird. In dem Zusammenhang werden auch die Warenannahme und die Wareneingangsprüfung neu strukturiert. Waren darf zukünftig jeder annehmen, so dass der Paketdienst schnell vom Hof kommt, für die Wareneingangsprüfung gibt es aber genaue Spielregeln. Diese werden durch einen Zuständigen und dessen Vertreter durchgeführt.

Mit dieser Vorgehensweise werden die Kosten enorm gesenkt, denn Suchzeiten nach Material in Restebergen, bei denen noch die hilfsbereiten Kollegen mithelfen, um dann doch zum Händler zu fahren, gehören damit der Vergangenheit an.

Das Grundprinzip funktioniert wie folgt: Alle Standardmaterialien, die im Betrieb vorhanden sein müssen, damit dieser immer funktioniert, werden in einer Artikelliste mit min- und max-Mengen definiert. Es werden alle Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe in der Liste erfasst. Alle Materialien werden an einem einzigen Lagerort im Betrieb so angeordnet, dass die min- und max-Mengen eindeutig ablesbar sind. Wird bei Entnahme des Materials die min-Menge unterschritten, entnimmt der Mitarbeiter eine Karte, die er in eine Bestellbox wirft. Diese Boxen werden einmal täglich von der Verwaltung ausgeräumt und die Artikel auf den Karten zweimal wöchentlich bestellt. Somit geht Material nie mehr aus und Beschaffungsfahrten gehen gegen null.
In einem „Paulus-Lager“-Projekt werden im ersten Schritt die Standardmaterialien betrachtet, da diese hervorragend definierbar sind und alle Prozesse darum optimiert. Die Kommissionsware wird „im Vorbeigehen“ automatisch mit optimiert.

Das bedeutet, es werden in einer Standard-Artikelliste ALLE Materialien, die benötigt werden, damit der Betrieb unterbrechungsfrei läuft, definiert. Welche Materialien dies sind, ist oft nur auf Grund der Erfahrung der Mitarbeiter festlegbar, die genau wissen, welches Material sie auf den Kundendienstfahrzeugen oder im Wartungsbereich benötigen. Deshalb werden im SHK-Bereich die Mitarbeiter von Anfang an in die Neustrukturierung des Lagers mit eingebunden. Sobald eine halbwegs fertige Artikelliste vorhanden ist, können die Lagerorte im zweiten Schritt geplant werden.


Zweiter Schritt:

Für diese Lagerorte werden die Artikelgruppen in der Artikelliste hergenommen, um diese optimal in der Werkstatt anzuordnen. Wichtige Hinweise geben hierzu wieder die Werkstattmitarbeiter, die die optimalen Wege genau kennen und mitdefinieren können. Bei den Lagerorten werden auch alle Kommissionslager, von Gitterbox bis Glasduschtür, mit festgelegt. Diese Lagerorte sind prinzipiell leer, denn sie warten nur auf neues Material. Kommissionsreste haben darin nichts zu suchen. Das wird auch als Spielregel mit den Mitarbeitern definiert.

Reste werden in der Lagerplanung berücksichtigt, diese brauchen einen erlaubten Platz. Baustellenrücklauf usw. wird anderweitig körperlich eingeplant. Somit kann auch das ewige Geschimpfe aufhören, dass Baustellenrücklauf direkt am Tor auf dem Boden steht und den Eingang versperrt.


Dritter Schritt:

Mit den Mitarbeitern wird das Clean-up-Projekt durchgeführt. ALLE Materialien, die der Betrieb für sich definiert hat, werden in die neu geplanten oder neu angeordneten Lagerstätten eingeräumt. Das Material, das auf der Artikelliste definiert wurde, MUSS körperlich im Betrieb vorhanden sein, nur unter diesen Umständen funktioniert die Struktur fehlerfrei. Dabei werden auch Stangenware, Rollen mit Verschnitt, Tütenware, Kleinteile, Keramikobjekte usw. je nach ihrer Beschaffenheit unterschiedlich angeordnet. Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass alles, was auf der Artikelliste steht oder von den Mitarbeitern im Clean-up-Projekt ergänzt wird, körperlich eingeräumt und mit der Liste abgeglichen wird.

Die hohen Produktivitätssteigerungen resultieren aus dieser sehr konsequenten Vorgehensweise. Es gibt nur noch, was auf der Liste steht, im Notfall wird zukünftig gewünschtes Material mit eingepflegt. Im Lager hat der Arbeitsvorbereiter nichts mehr verloren, den Weg kann er sich für immer sparen, denn er orientiert sich ausschließlich an den Mindestmengen in der Artikelliste.

Im Umkehrschluss kann er sicher sein, dass alles Material, das er benötigt, immer in bestimmten Mengen vorhanden ist, das ist die sogenannte Hauskollektion, was auch für den Badverkauf ein großer Vorteil ist.
Bis zum vierten Schritt wird das Zentrale Lager komplett beschriftet. Da diese Beschriftung vom Betrieb selbst erzeugt wird, ist es genau das Material in den Mengen, welche der Betrieb für sich festgelegt hat. Damit können die Mitarbeiter genau ablesen, wann eine Entnahme die Mindestmenge unterschreitet und wann sie die Bestellung auslösen müssen. Da es Schwerstarbeit ist, das Lager entsprechend umzugestalten (im Clean-up-Projekt werden Tonnen geschleppt), ist die Disziplin erfahrungsgemäß erfreulich hoch. Zudem sind die Mitarbeiter begeistert: Endlich unterstützt sie mal das Büro mit den Bestell-Ausdrucken, so dass sie mit dem Büro Hand in Hand arbeiten können.

Vierter Schritt:

Die Fahrzeuge werden optimiert: Erst wird anhand der Checkliste Inventur gemacht, um zu prüfen, was von dem Material noch gebraucht werden kann, dann werden die Materialien für die Fahrzeuge definiert.

Aus dem Zentralen Lager werden zukünftig zum einen die Fahrzeuge und zum anderen die Baustellen bestückt. Erst, wenn das Material auf der Baustelle eingebaut wurde, wird es im Aufmaß vermerkt und abgerechnet. Ein Rückbuchen ins Lager ist überflüssig, das Material wird einfach ins Regal gelegt.


Fünfter Schritt:

Jetzt werden in einem Folgetermin die Orgaregeln, Restedefinitionen, Zuständigkeiten und die Aufgaben für die Zuständigen festgelegt. Damit die Regeln eingehalten werden, wird eine Selbstverpflichtung vom Inhaber und von Mitarbeitern unterschrieben, die am Besten im Aufenthaltsraum ausgehängt wird.

 

Und so geht es weiter

Aufgrund der langen, vertrauensvollen Zusammenarbeit im Projekt werden die Beratenden oft gebeten, einmal jährlich auf Basis eines Wartungsvertrages vorbeizukommen und in so genannten Check-up-Terminen neue Mitarbeiter nachzuschulen und sich anbahnende Strukturfehler gleich auszumerzen. Die Aussage der Inhaber dabei lautet meist ähnlich: „Lassen Sie mich bloß meine Arbeit machen, der Umsatz, den ich an diesem Tag machen kann, ist höher, als wenn ich Ihren Job machen wollte und dabei nur halb so gut wäre!“ Eine solche strukturierte Vorgehensweise kann oft 5 bis 10 % höhere Produktivität bringen, besonders wenn alle Lagerstätten gleichzeitig optimiert werden.





Literatur:
[1] Wettbewerbsfähigkeit steigern durch optimierte Materialwirtschaft, IKZ 8/2008, Seite 60 bis 63,



Dipl.-Ing. Doris Paulus,

Greven

Zur Autorin

Die in der Branche bekannte Expertin Dipl.-Ing. Doris Paulus hält seit 2001 Vorträge und Seminare für z.B. Fachverbände und auf Messen. Die Expertin vereint theoretisches Wissen und langjährige Praxiserfahrung. Alle Prinzipien des „Paulus-Lagers“ hat sie zunächst im eigenen Betrieb ausführlich getestet und sehr erfolgreich in die Praxis umsetzt. Dabei arbeitet sie professionell als Prozessoptimiererin spezialisiert im Bereich Lageroptimierung und Arbeitsvorbereitung. Beim Ärmelhoch Service-Institut www.aermelhoch.de hat sie einen Kompakt-Ratgeber „Geldquelle Lager“ herausgegeben, der dort abrufbar ist. Weitere Veröffentlichungen sind auf der Website www.paulus-lager.de zu finden.

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